|
Haben Digitalkameras mehr Schärfentiefe?
Hartnäckig hält sich das
Gerücht, dass alle Digitalkameras grundsätzlich eine extrem große
Schärfentiefe haben, dass deshalb von vorne bis hinten alles gleich
scharf sei.
Das stimmt so nicht! Natürlich hat bei gleicher Blendenöffnung eine
kleine Digitalkamera bei dem gleichen Motiv eine größere Schärfentiefe als z.B. eine 6x6
Kamera. Das hat aber nichts mit "digital" zu tun, sondern hängt
ausschließlich von der verwendeten (tatsächlichen)
Brennweite der Kameras ab. Auch die
gute alte "Spionage-Kamera" Minox (Brennweite 15 mm) hat eine
sehr große Schärfentiefe.
Andererseits hat eine Digital-SLR mit
KB-Sensor
exakt die gleiche (geringe) Schärfentiefe wie eine entsprechende
"normale" SLR.
Wer gerne
mit Unschärfe spielen möchte, muss sich deshalb aber nicht gleich eine D-SLR
mit KB-Sensor kaufen. Er sollte auch die Tatsache ausnutzen, dass die
Schärfentiefe bei Tele deutlich geringer ist. Er sollte deshalb
auf die tatsächliche (nicht die umgerechnete) maximale Brennweite
achten.
Die Fuji 602 z.B. hat bei Tele 46,8 mm echte Brennweite. Da ist
die Schärfentiefe schon deutlich geringer als bei Standard-Brennweite;
z.T. nur wenige Zentimeter.
Hier drei
Beispiele aus dem
Vietnam-Reisebericht von 2002.
Bei Makro-Aufnahmen beträgt die Schärfentiefe selbst bei
Hemdentaschen-Kameras nur noch wenige Millimeter!

→
Bildausschnitt
Dieses Bild wurde mit lachhaften 24 mm "Tele" der Fuji
F10
aufgenommen. Die rechte Flügelspitze ist schon außerhalb des
Schärfebereiches!
Exakt die gleiche Schärfentiefe hätte ich übrigens auch, wenn ich das
Foto mit Weitwinkel (und entsprechend kürzerem Abstand) aufgenommen
hätte .... aber so dicht würde der Schmetterling mich nicht herkommen
lassen. Solche Aufnahmen sind deshalb nur aus "sicherer" Entfernung
möglich. Voraussetzung dazu ist, dass auch bei Tele auf rel. kurze
Entfernungen eingestellt werden kann (ggf. mit "Makro").
Bezüglich "freistellen" bieten die "Superzoom-Kameras" mit großer ("echter") Tele-Brennweite
sehr viel mehr Möglichkeiten als Mini-Kameras. Sie haben z.B. "echte"
63mm
(umgerechnet: 380 mm).
Dabei ergeben 63 mm bei einer Digitalkamera aber eine erheblich geringere(!)
Schärfentiefe als man das von KB-Kameras mit einem solchen Brennweite gewohnt ist.
Der Grund: Das Bild des
extrem kleinen
Sensors muss sehr viel stärker vergrößert werden als das etwa 40x größere
KB-Negativ.
Für Fachleute:
Der sog. Zerstreukreis-Durchmesser (wann wird ein Punkt noch als scharf
wahrgenommen?) beträgt bei KB ca. 0,03 mm, bei Digitalkameras ca. 0,006
mm
Hier ein Beispiel, aufgenommen von einem
meiner Leser am 4.8.06 mit einer Fuji S5600 und 63 mm "echter"
Brennweite.

Hinweise für Fachleute:
Dennoch muss
hier ein weit verbreiteter Irrtum ausgeräumt werden: Eine längere
Brennweite (bei gleicher Sensorgröße) hat nicht grundsätzlich eine
geringere Schärfentiefe.
Das
nebenstehende Bild wurde mit 300 mm Tele (echte 66,7 mm) aufgenommen und der Hintergrund
ist erfreulich unscharf. Hätte ich aber 200 mm Tele gewählt (und wäre
entsprechend näher an meine Enkelin herangegangen), dann hätte ich
praktisch den gleichen "Freistellungseffekt" gehabt. Theoretisch würde
das sogar für 28 mm Weitwinkel (und eine sehr kurze Entfernung) gelten,
aber dann hätte ich eine
perspektivische Verzerrung des Portraits gehabt
.... und meine Enkelin hätte sich nicht mehr unbeobachtet gefühlt.
Beispiel: Bei "SuperMakro" der
Fuji
6500 muss man sehr dicht an sein Motiv herangehen und deshalb ist
selbst bei 28mm Brennweite die Schärfentiefe extrem gering →Bildbeispiel
Wäre dieses Motiv mit 300 mm Tele aus
entspr. großer Entfernung aufgenommen worden, hätte es exakt die gleiche geringe
Schärfentiefe aufgewiesen.
Eine lange Brennweite ist bezüglich
"Freistellen" aber z.B. dann von Vorteil, wenn ich - aus welchen Gründen
auch immer - nicht näher an mein Motiv herangehen will oder kann.
Außerdem wirkt z.B. ein Portrait vor einer
Bergkulisse deutlich besser, wenn es mit 300 mm Tele aufgenommen wurde,
als mit 50 mm. Auf dem ersten ist nämlich nur ein einziger Berg im
Hintergrund zu sehen, beim zweiten die ganze Landschaft. Beide
Hintergründe sind zwar gleich unscharf, der zweite wirkt aber unruhiger.
Einfluss der Blende
Die Schärfentiefe hängt natürlich neben der Brennweite und der
Motiv-Entfernung auch noch von der gewählten Blende ab. Will ich eine
geringe Schärfentiefe haben, benötige ich dazu eine Kamera mit
möglichst großer Blendenöffnung bei Tele.
Bei Portraitaufnahmen (üblicherweise bei
"umgerechnet" 90mm Brennweite) ermöglicht sogar eine gute kleine
Kamera, falls sie Blende 2,8 bietet, ein besseres "Freistellen" als eine
"große"
Wechseloptik-Kamera mit
APS-Sensor,
deren Kit-Objektiv bei 90mm Tele nur noch Blende 5,6 bieten kann.
Wer eine einfache Digitalkamera hat,
muss sich also mit der großen Schärfentiefe "abfinden" ....
oder sich
darüber freuen. Vielfach ist sie ja auch ein Vorteil!
Nach Durchsicht meiner eigenen Fotosammlung muss ich
nämlich feststellen, dass es nur rel. wenige Motive gab, wo ich gerne den
Vordergrund oder Hintergrund unschärfer gehabt hätte. Im Gegenteil! Es
gibt sicherlich mehr Bilder, bei denen ich über die große Schärfentiefe
meiner kleinen Kamera froh war. Ausnahme waren eigentlich nur
Nahaufnahmen von Einzelpersonen (Portraits). Hier ein Beispiel aus
meinem
Vietnam-Reisebericht, bei dem
nachträglich am PC der Hintergrund "entschärft" wurde.
(Bitte mit der Maus über
das Bild gehen!).
Nur mit einer
KB-Sensor-Kamera und lichtstarker Optik wäre
eine vergleichbare "Freistellung" evtl. erreichbar gewesen. Aber evtl. wäre dann auch nur der Kopf der Schlage scharf
gewesen (weil er ca. 50 cm weiter vorne war) und mein Gesicht schon nicht mehr.
Da hätte nur ein manueller Fokus oder
fd
geholfen. Letzteres ist aber bei SLRs technisch nicht möglich.

Auf zahlreichen Schnappschüssen von SLR-Amateuren
(besonders bei Fotos mit mehreren Personen) fiel mir nämlich auf,
dass die Kamera zwar auf eine Stelle exakt scharf gestellt hatte, aber
schon dicht daneben waren die Personen - wegen der geringen
Schärfentiefe - reichlich unscharf. →Beispiel
Der Vorteil der großen Schärfentiefe kleiner Kameras andererseits zeigt
sich eindrucksvoll bei dem folgenden Bild (Fuji F10; 8 mm Brennweite).
Bei
konventionellen Großformat-Kameras benötigt man hier ein spezielles (kippbares) Objektiv, um auch den
Vordergrund scharf abzubilden.

|